
Im Deutschunterricht haben wir den Roman Radetzkymarsch von Joseph Roth gelesen und besprochen. In diesem Zusammenhang haben wir uns mit dem Gegensatz von «Schein» und «Sein» beschäftigt. Mit «Schein» ist gemeint, wie etwas nach aussen wirken oder wie es sein soll. Mit «Sein» ist gemeint, wie etwas tatsächlich ist, also die Realität hinter der Fassade. Im Roman Radetzkymarsch ist dieser Gegensatz sehr deutlich erkennbar. Der Roman zeigt den langsamen Zerfall der Habsburger Monarchie. Das Reich versucht, den äusseren «Schein» aufrechtzuerhalten, obwohl das Fundament innerlich bereits zerbricht.
Ein zentrales Beispiel für den «Schein» im Roman ist das Konzept von Etikette und Uniform. Die Uniform ist nicht nur Kleidung, sondern ein wichtiges Symbol für Ordnung, Macht und Stabilität. Sie soll Stärke zeigen und den Eindruck erwecken, dass das Reich stark und mächtig ist. Die Uniformen sind prächtig und bunt. Doch dieser äussere Glanz steht im starken Gegensatz zur inneren Realität vieler Personen. Hinter den Uniformen verbergen sich Menschen mit grossen Problemen. Viele Offiziere leiden unter Spielsucht, Alkoholsucht oder Depressionen.
Carl Joseph von Trotta ist ein sehr gutes Beispiel für diesen Gegensatz. Nach aussen trägt er die Uniform eines Offiziers. Zudem steht er im Schatten seines Grossvaters, des Helden von Solferino. Dieser hat dem Kaiser das Leben gerettet und ist seitdem als Held bekannt. Dieser Heldenstatus ist ebenfalls Teil des «Scheins», der über Generationen weitergetragen wird und Carl Joseph ist fast nur noch als Enkel des Helden von Solferino bekannt. In der Realität ist Carl Joseph jedoch kein Held. Er fühlt sich im Militär fehl am Platz und flieht vor dem Druck der Erwartungen. Er flieht in Alkohol und sexuelle Affären, verschuldet sich und verliert zunehmend die Kontrolle über sein Leben. Innerlich zerfällt er immer mehr, während er nach aussen weiterhin die Uniform trägt und den «Schein» wahrt. Sein «Sein» passt nicht zu dem Bild, das sein Rang und seine Herkunft vermitteln sollen.
Eine Figur, die den Gegensatz von «Schein» und «Sein» gut zeigt, ist der Kaiser. Nach aussen wird er als mächtiger und unantastbarer Herrscher dargestellt. In Wirklichkeit ist er jedoch alt, krank und gebrechlich. Er lebt in der Vergangenheit und kann mit der veränderten Realität nicht mehr Schritt halten. Dennoch klammern sich viele Menschen an ihn, wie zum Beispiel der Baron Herr von Trotta, da sie Angst vor der Wahrheit haben. Der Kaiser ist das letzte Bindeglied, das das Reich zusammenhält und sein Tod bedeutet das Ende der Monarchie. Obwohl diese Realität offensichtlich ist, wird der «Schein» weiterhin aufrechterhalten. Der Radetzkymarsch wird in der Kapelle gespielt, die Uniformen werden getragen und die Traditionen bleiben bestehen, als wäre alles gut.
Der Gegensatz von «Schein» und «Sein» ist auch heute noch relevant. Das heutige Äquivalent zum «Schein» der Habsburger Monarchie im Roman Radetzkymarsch ist unsere Selbstdarstellung in den sozialen Medien. Es ist der «Schein», der für die Öffentlichkeit konstruiert wird. Häufig zeigen Personen sich und ihren Alltag in den sozialen Medien nicht wie sie und ihr Alltag wirklich sind. Auf Plattformen wie Instagramm wird das vermeintlich perfekte Leben gezeigt. Fitness, gesunde Ernährung oder verschiedene Erfolge. In der Realität steckt jedoch häufig etwas anderes dahinter. Die Person ist vielleicht einsam, hat Selbstzweifel oder fühlt sich ausgeschlossen. Profile in den Sozialen Medien werden wie zu einer Uniform, zu einem «Schein», der in der Realität gar nicht existiert. Sie zeigen nicht, wie jemand wirklich ist, sondern wie jemand sein will respektive meint sein zu müssen. Die Nutzer verklären ihren Alltag, wie es damals die Offiziere mit ihrem Dienst gemacht haben.
Ein weiterer wichtiger Punkt, der auch heute noch zu sehen ist, ist der Druck, der durch diesen «Schein» entsteht. Wie auch Carl Joseph durch seinen Status als Enkel des Helden von Solferino erleben wir heute Druck. Nur ist der Druck nicht mehr militärischer Druck, sondern beispielsweise Leistungsdruck in der Schule oder bei der Arbeit. In der Schule zum Beispiel wird erwartet, gute Noten zu schreiben, motiviert zu sein und klare Zukunftspläne zu haben. Gleichzeitig suggerieren soziale Medien, dass man nebenbei noch ein erfülltes Sozialleben, einen gesunden Lebensstil und viele Erfolge haben sollte. Dieses Ideal ist für viele Menschen kaum erreichbar.
Durch den «Schein» in den Sozialen Medien kann auch ein gesellschaftlicher Druck entstehen. Personen wollen dazugehören und dasselbe schöne Leben führen, wie andere in den Sozialen vermeintlich leben. Viele Menschen fühlen sich wie Carl Joseph orientierungslos. Nach aussen geben sie sich selbstsicher und erfolgreich, obwohl sie innerlich Probleme haben. Auch heute fliehen Menschen vor dem Druck der Erwartungen. Statt Alkohol können es heute zum Beispiel Handysucht, soziale Medien oder andere Ablenkungen sein. Die Mittel haben sich geändert, doch das Grundproblem bleibt ähnlich.
Auch wenn der historische Kontext im Roman Radetzkymarsch ein anderer ist als heute, sind klare Parallelen erkennbar. Menschen versuchen auch heutzutage, Erwartungen zu erfüllen und ein bestimmtes Bild von sich zu zeigen, auch wenn es nicht der Realität entspricht. Der Gegensatz von «Schein» und «Sein» ist heute noch relevant und kann, wie es uns der Roman Radetzkymarsch zeigt, ein Problem darstellen.