
Im Deutschunterricht haben wir uns in den letzten Wochen mit dem Thema Semantik befasst. Die Semantik ist die Lehre von der Bedeutung von sprachlichen Zeichen wie Wörtern, Sätzen, Redewendungen oder Ähnlichem Die Bedeutung und der Gebrauch von Wörtern ändern sich über die Zeit. Dieser Wandel der Sprache findet immer statt, heutzutage sogar besonders stark. Um diesen Wandel genauer zu verstehen, müssen die Begriffe Denotation und Konnotation geklärt werden. Die Denotation ist die sachliche Definition eines Wortes, die im Wörterbuch steht. Die Konnotation ist die Bedeutung, die das Wort in einem bestimmten Kontext annimmt. Die Bedeutung, mit der ein Wort assoziiert wird. Beim Wandel der Sprache ändern sich und entstehen Konnotationen von Wörtern.
Die sozialen Medien beeinflussen unseren Sprachgebrauch und über diese können sich Wandel in der Sprache besonders schnell verbreiten. Ich erlebe selbst, wie ich in Instagram-Kommentarspalten auf ein Wort oder eine Redewendung stosse, die ich im Kontext nicht verstehe, früher oder später jedoch selbst in meinen Sprachgebrauch aufnehme. Und das geht nicht nur mir so. Viele Menschen nehmen Wörter respektive Wortbedeutungen in ihren Wortschatz auf, die sie in sozialen Medien gesehen haben. Ein Wort wird von einer Gruppe aufgegriffen, seine Konnotation wird verändert, und durch die schnelle, virale Verbreitung in den sozialen Medien wird diese neue Bedeutung innerhalb weniger Wochen zum Standard für eine ganze Generation. Früher brauchte ein Wortwandel Jahre, manchmal Jahrzehnte. Er verbreitete sich über Zeitungen, Radio oder das persönliche Gespräch. Heute fungieren soziale Medien als Beschleuniger. Ein Wort oder eine Wortbedeutung, die heute in einem Livestream oder einem Tweet geboren wird, kann sich innerhalb von wenigen Tagen weltweit verbreiten und neu interpretiert werden.
Das ist jedoch noch nicht alles. Auch politische Beiträge und Werbung in den sozialen Medien beeinflussen unseren Sprachgebrauch. Da Nutzer von sozialen Medien dort besonders viel Werbung und vielen Beiträgen ausgesetzt sind, nehmen die Nutzer Wörter besonders schnell in ihren Wortschatz auf oder ordnen ihnen eine neue Konnotation zu.
Diese Prozesse geschehen meist unterbewusst. Dadurch, dass eine Person ein Wort immer wieder sieht oder hört in der Reizüberflutung der sozialen Medien oder dadurch, dass eine Person zu einer bestimmten Gruppe dazugehören will, nimmt sie ein Wort oder eine Wortbedeutung unterbewusst in ihren Wortschatz auf.
Die sogenannten Jugendwörter entstehen und verbreiten sich heutzutage vor allem über die sozialen Medien. Der Ursprung der neuen Konnotation ist dabei den meisten Jugendlichen gar nicht bekannt. Zudem führt die Jugendsprache dazu, dass viele sogenannte Anglizismen entstehen. Englische Wörter, die in der deutschen Sprache verwendet werden. Das hängt damit zusammen, dass in den sozialen Medien viel auf Englisch ist, da somit die meisten Menschen erreicht werden. Nun möchte ich den Wandel der Bedeutungen an drei konkreten Jugendwort-Beispielen verdeutlichen.
Ein Beispiel für ein solches Wort ist «Aura». Ursprünglich beschreibt «Aura» die energetische Ausstrahlung eines Menschen und wurde im spirituellen und esoterischen Kontext verwendet. Auch in der Medizin kommt das Wort vor, im Sinne von Wahrnehmungsstörungen. In der Jugendsprache bedeutet «Aura», ob eine Person Charisma hat. Dabei wird «Aura» meistens mit Plus- oder Minuspunkten versehen. Positive «Aura» hat jemand, der etwas Gutes, Cooles oder Beeindruckendes tut. Negative «Aura» wird bei peinlichen oder uncoolen Ereignissen vergeben. Vor der Verbreitung des Wortes «Aura» hat kaum ein Jugendlicher dieses Wort je verwendet, wenn überhaupt gekannt. Nun ist es kaum mehr aus dem jugendlichen Wortschatz wegzudenken und hat eine neue Konnotation fest erhalten.
Ein weiteres Beispiel für ein über die sozialen Medien verbreitetes Jugendwort ist «Sigma». Das Wort ist ursprünglich ein Buchstabe aus dem griechischen Alphabet und kommt beispielsweise in der Mathematik vor. In den sozialen Medien hat das Wort «Sigma» eine neue Konnotation angenommen. «Sigma» bezieht sich in der Jugendsprache auf das Idealbild des erfolgreichen Einzelgängers, in der Regel auf eine männliche Person. Dies ist ein Beispiel, das nicht nur einem Wort eine neue Konnotation zuordnet, sondern das grundlegend das Denken von Jugendlichen verändern kann. Der Begriff «Sigma» hat in der Jugendsprache eine positive Bedeutung und dadurch werden emotionale Kälte und in einem gewissen Masse auch Frauenfeindlichkeit gefördert.
Ein Begriff, der nicht aus dem Englischen kommt, ist «Schere» oder «Schere heben». Die Definition von «Schere» ist ursprünglich das Schneidwerkzeug. «Schere heben» hat keine sinnvolle Definition. In der Jugendsprache, verbreitet durch soziale Medien, bedeutet «Schere» respektive «die Schere heben» ein Schuldeingeständnis. Das Jugendwort stammt aus der Online-Spielszene. Wer «Schere» sagt, meint damit: «Sorry, das war ich.“ Die Konnotation von diesem Jugendwort ist besonders interessant, da sie nichts mit der Denotation des Wortes zu tun hat. Dieses Beispiel zeigt, dass Sprachwandel auch drastische Änderungen im Gebrauch eines Wortes verursachen können, die gar nicht mehr nachvollziehbar sind.
Zusammenfassend lässt sich festhalten: Die an den Beispielen „Sigma“, „Schere heben“ und „Aura“ verdeutlichten Bedeutungswandel sind keine Einzelfälle. Andauernd verändert sich die Sprache und dies geschieht besonders schnell durch die sozialen Medien. Ob bewusst oder unbewusst, wir nehmen immer neue Wörter in unseren Sprachgebrauch auf und sind somit selbst Teil dieses Sprachwandels.